Viele Eltern haben den Bestseller „Jedes Kind kann Regeln lernen“ von Annette Kast-Zahn im Regal stehen. Der Wunsch ist verständlich: Wir wollen Halt geben und ein harmonisches Familienleben führen.

Doch im echten Leben fühlt sich die Theorie oft anders an: Du hast Regeln aufgestellt, warst konsequent – und trotzdem endet der Alltag in Diskussionen oder Machtkämpfen. Bevor du an dir zweifelst: Es liegt oft nicht an dir.

Die klassische Methode setzt stark auf Regeln und logische Konsequenzen. Doch gerade bei willensstarken Kindern oder Kindern mit AD(H)S, FASD oder Trauma-Hintergrund erzeugt dieser Druck oft nur Gegendruck. Statt Einsicht erntest du Widerstand.

Das liebevollere Update: Weniger Druck und Konsequenzen

Du musst nicht strenger werden, um dein Ziel zu erreichen. Im Gegenteil. Die Erziehungswissenschaft hat sich weiterentwickelt. In diesem Beitrag zeige ich dir, warum der Ansatz aus den 90er-Jahren heute oft an Grenzen stößt und stelle dir das wissenschaftliche Update vor, das auf den Erkenntnissen des renommierten Kinderpsychologen Prof. Dr. Alan E. Kazdin (Yale University) basiert.

Er war Präsident der amerikanischen Psychologen-Vereinigung (APA) und leitete jahrzehntelang das renommierte Yale Parenting Center. Dort entwickelte er Methoden, um Kindern mit massiven Verhaltensproblemen zu helfen – Strategien, die sich als so wirksam erwiesen, dass sie heute Eltern weltweit den Alltag erleichtern. Er hat über 49 Bücher veröffentlicht und sein Wissen in einem kostenlosen Online-Kurs „Everyday Parenting“ zugänglich gemacht, den ich dir sehr ans Herz lege.

Als einer der weltweit renommiertesten Kinderpsychologen erklärt Kazdin moderne Erziehungsmethoden, die radikal sanfter sind als in vielen klassischen Ratgebern:

Das mag sich am Anfang anfühlen, als würdest du langsamer vorangehen. Aber genau das ist der Trick: Indem du den Druck rausnimmst und kleine Erfolge feierst, kommst du am Ende viel schneller ans Ziel – ohne die Kinderseele zu belasten.

1. Die große Frage: „Will er nicht?“ oder „Kann er noch nicht?“

Das ist der vielleicht wichtigste Unterschied, der deine ganze Sichtweise auf den Alltag verändern wird.

Der Klassiker („Jedes Kind kann Regeln lernen“) sieht Fehlverhalten oft wie einen strategischen Feldzug. Das Kind wird zum kleinen „Machtkämpfer“, der ganz genau weiß, welche Knöpfe er drücken muss. Es testet Grenzen aus, manipuliert und will seinen Willen durchsetzen.

Die logische Schlussfolgerung von Kast-Zahn war deshalb immer: Wenn das Kind ein kleiner Napoleon ist, musst du der stärkere General sein. Du brauchst den längeren Atem. Die Botschaft lautet: „Lass das nicht durchgehen, sonst tanzt er dir morgen auf der Nase herum!“

Die moderne Wissenschaft nimmt hier den Druck raus und sagt: Entspann dich, es ist keine Verschwörung gegen dich. Fehlverhalten ist meist ein „Skill Deficit“ (Mangel an Fähigkeiten).

Wenn dein Kind im Wutanfall haut, ist es nicht „böse“ oder plant den Umsturz der Familienherrschaft. Sein Gehirn hat in diesem Stressmoment einfach noch keine Strategie, wie es den Frust anders loswerden soll.

Es ist wie beim Fahrradfahren: Wer hinfällt, macht das nicht aus Bosheit, sondern weil er die Balance noch nicht halten kann.

Die Konsequenz daraus ist befreiend: Wir müssen den Willen des Kindes nicht „brechen“ (wer will schon ein gebrochenes Kind?). Wir müssen stattdessen das neue Verhalten aktiv üben. Ja, das hilft auch, dass die Wutanfälle friedlicher und weniger aggressiv werden!

2. Das Davor: Die „kaputte Schallplatte“ vs. freundliche Aufgaben

Wie bringst du dein Kind dazu, das zu tun, was du möchtest? Hier prallen zwei Welten aufeinander.

Der Klassiker empfiehlt oft die Strategie der „kaputten Schallplatte“: Du sollst eine Anweisung ruhig, stur und immer gleich wiederholen, bis das Kind merkt: „Oha, Mama und Papa geben nicht nach.“

Das Ziel ist, den Widerstand durch pure Ausdauer zu zermürben.

Doch Studien zeigen ein ernüchterndes Ergebnis: Ständiges Wiederholen wirkt auf das Kindergehirn wie Nörgeln. Es wird zu einem unangenehmen Hintergrundgeräusch, das man aktiv ausblendet – der sogenannte „Durchzug“ schaltet sich ein.

Stelle Aufgaben einmal freundlich als Bitte

Die moderne Wissenschaft dreht den Fokus deshalb komplett weg von der Hartnäckigkeit hin zur Vorbereitung. Prof. Kazdin sagt: Wenn du willst, dass dein Kind kooperiert, musst du es ihm so leicht wie möglich machen.

Wir bauen dem Kind eine Brücke, damit es überhaupt ins Tun kommt. Das ist kein Verwöhnen, sondern kluges Management: Je besser du die Situation vorbereitest (vielleicht sogar durch eine Trockenübung/Rollenspiel in einem ruhigen Moment), desto weniger musst du später reden!

3. Das Danach: unangenehme Konsequenzen vs. enthusiastisches Lob

Und was passiert, wenn die Situation vorbei ist? Hier liegt der vielleicht größte Hebel für eine entspannte Atmosphäre.

Beim klassischen Ansatz von „Jedes Kind kann Regeln lernen“ liegt der Fokus fast immer auf der negativen Konsequenz. Eltern agieren wie Schiedsrichter: Solange alles läuft, bleiben sie still („Nicht geschimpft ist gelobt genug“). Aber sobald ein Fehler passiert, folgt der Pfiff: Das Fahrrad kommt weg, es gibt Fernsehverbot oder eine Auszeit.

Diese Form der Erziehung konzentriert sich darauf, was passiert, wenn es nicht klappt. Die Sorge ist oft groß, das Kind durch zu viel Lob zu verweichlichen oder abhängig zu machen.

Lobe die positiven Gegenteile, also alles was in die richtige Richtung geht

Das moderne Update stellt diesen Ansatz auf den Kopf. Statt krampfhaft nach einer „logischen Konsequenz“ für Fehlverhalten zu suchen, werden wir zum Cheerleader für das Gute.

Die Hirnforschung zeigt nämlich: Um ein neues Verhalten (wie Zähne putzen ohne Theater) zu lernen, braucht das Gehirn einen massiven emotionalen Marker – einen Dopamin-Kick. Ein leises „Gut gemacht“ reicht da nicht.

Die Strategie lautet: Loben, loben, loben! Und zwar enthusiastisch, laut und begeistert, auch wenn es sich am Anfang gekünstelt anfühlt. Wir ignorieren die kleinen Fehler und stürzen uns mit voller Aufmerksamkeit auf jeden kleinen Erfolg. Denn was wir gießen (loben), das wächst.

4. Konsequenzen: Logisch vs Mild

Das ist der Punkt, der Eltern im Alltag oft am meisten Stress bereitet.

Das Problem mit der Logik: Das Buch „Jedes Kind kann Regeln lernen“ pocht darauf, dass eine Konsequenz immer in einem „logischen Zusammenhang“ zur Tat stehen muss (wer zu spät kommt, kriegt nichts zu essen).

Das setzt dich als Elternteil im Affekt unter enormen Druck. Denn was ist die logische Konsequenz fürs Hauen? Da gibt es oft keine.

In ihrer Not greifen Eltern dann krampfhaft zu Verboten („Dann fällt der Ausflug eben aus!“), die am Ende viel zu hart sind.

Ein Blick in die (alte) Praxis: Wo die Logik von „Jedes Kind kann Regeln lernen“ grausam wurde

Um zu verstehen, wie schmal der Grat zwischen „logischer Konsequenz“ und überharter Strafe ist, lohnt sich ein Blick auf die ursprünglichen Ratschläge des Buches. Auch wenn neuere Auflagen entschärft wurden, zeigen diese Beispiele aus früheren Versionen, wie schnell Eltern in eine Spirale aus Härte geraten können, wenn sie versuchen, den Machtkampf zu gewinnen:

  • Körperliche Überlegenheit: Wenn ein Kind nicht in der Auszeit (im Zimmer) bleiben wollte, wurde empfohlen, die Tür von außen zuzuhalten oder sich dagegenzulehnen. Das ist kein pädagogischer Moment, das ist physischer Zwang und Einsperren.
  • Grundbedürfnisse als Druckmittel: Wer zu spät zum Essen kam, bekam nichts mehr („Der Hunger wird es lehren“).
  • Öffentliche Beschämung: Ein Kind, das morgens trödelt, sollte notfalls im Schlafanzug in den Kindergarten gebracht werden. Die „logische“ Folge: Wer sich nicht anzieht, friert eben oder blamiert sich vor den Freunden. Heute wissen wir: Das beschädigt das Urvertrauen und den Selbstwert massiv.
  • Die „kaputte Schallplatte“: Die Empfehlung, eine Anweisung stur immer wieder zu wiederholen, ist im Grunde Psychoterror. Zudem ist es ein schlechtes Vorbild (wir bringen dem Kind das Quengeln bei!). Und seien wir ehrlich: In der Realität bleiben Eltern dabei nicht ruhig, sondern werden mit jeder Wiederholung lauter und wütender.
  • Die Gewalt-Grauzone: In alten Auflagen fand sich sogar das Eingeständnis, dass der Autorin im Eifer des Gefechts auch mal „die Hand ausgerutscht“ sei – obwohl sie eigentlich gegen Schlagen war.

Das Problem daran: Diese Härte führt oft nicht zu Einsicht, sondern zu Eskalation, Aggression und oppositionellem Verhalten. Das Kind macht dicht. Die Eltern fühlen sich provoziert, wollen „noch strenger“ sein – und weil ihnen in der Wut keine milde Logik mehr einfällt, enden sie genau da, wo sie nie hinwollten: beim Schreien, Beleidigen oder Grobwerden.

Deshalb brauchen wir den Ausweg über die Milde.

Die Lösung: Milde Konsequenzen statt Logik

Prof. Kazdin sagt entspannt: Vergiss den Zwang zur Logik. Wenn dein Kind haut, brauchst du keine philosophisch passende Antwort, sondern eine wirksame Unterbrechung.

Sein Ansatz: Eine Konsequenz muss nicht logisch sein, sie muss nur effektiv und mild sein. Ein kurzes Time-Out (1–3 Minuten) ist zwar „unlogisch“ (warum soll man sitzen, wenn man gehauen hat?), aber es funktioniert perfekt als Notbremse. Es unterbricht das Verhalten sofort und deeskaliert die Situation.

Die Spielregeln für den Notfall:

  • Lieber unlogisch und mild: Eine Minute Auszeit (1-3 Minuten) ist zwar „unlogisch“ (warum soll man sitzen, wenn man gehauen hat?), bringt mehr Ruhe als ein tagelanges Verbot. Aber es funktioniert perfekt als Notbremse. Es unterbricht das Verhalten sofort, deeskaliert die Situation und schützt die Geschwister vor dem Impuls, selbst zurückzuschlagen.
  • Wahlmöglichkeiten: Wenn dein Kind nicht in die Auszeit will, biete eine Wahl an: „Ich zähle bis 10, sonst verlängert sich die Zeit um eine Minute.“
  • Der Joker (Wiedergutmachung): Selbst wenn es zum Äußersten kommt (Privilegienverlust wie Medienverbot), ist das nicht in Stein gemeißelt. Dein Kind kann das Verbot durch eine Wiedergutmachungs-Aufgabe (z. B. Socken sortieren) selbst aufheben. So kommt es aus der Hilflosigkeit zurück in die Kooperation.

Time-In ist wichtiger als Time-Out

Wichtig ist, dass wir uns keine Illusionen machen: Eine Konsequenz – egal wie logisch oder mild – dient immer nur dazu, das Verhalten kurz zu unterbrechen. Das wahre Lernen erfolgt niemals durch die Strafe, sondern nur durch Wiederholung des positiven Verhaltens (das oft das Gegenteil oder eine Alternative des ungewünschten Verhaltens ist).

Beispiel: Du möchtest, dass deine Kinder sich seltener streiten. Das positive Gegenteil ist, dass deine Kinder kooperativ miteinander spielen. Genau diese Situationen solltest du öfter beachten und konkret loben, was du gut findest:

Wow, ihr habt eine Ritterburg gebaut. Zeigt mal, wer sitzt da oben? Oh, aha. Ich freue mich total, dass ihr zusammen ein ruhiges Spiel spielt. Richtig toll. Danke!

Erst wenn du das gewünschte Verhalten danach wieder lobst und ihm Aufmerksamkeit schenkst (das „Time-In“), erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass dein Kind das Gleiche noch einmal macht.

Durch viele Wiederholungen wird es zur Routine, bis das Lob irgendwann gar nicht mehr nötig ist.

Deshalb gilt die goldene Faustregel: Maximal drei bis vier kurze Auszeiten pro Tag, wenn überhaupt! Aber mindestens fünfmal so viel Lob und Aufmerksamkeit für alles, was gut läuft.

Wie du diese Auszeiten richtig und sanft gestaltest, erfährst du hier.

Wichtiger Hinweis: Warum das Grundproblem auch in der Neuauflage bleibt

Vielleicht hast du eine neuere Auflage des Buches und denkst: „Aber da steht doch gar nichts mehr von ‚Tür zuhalten‘ oder Klapsen?“

Das stimmt. Die Autorin und die Verlage haben ihre Texte über die Jahre angepasst und entschärft. Sätze aus alten Auflagen (in denen z. B. noch stand, dass auch ihr mal die Hand ausgerutscht sei) wurden gestrichen, und die Haltung ist heute offiziell gewaltfrei.

Doch das strukturelle Problem der Methode bleibt bestehen: Auch wenn wir es heute „logische Konsequenz“ statt „Strafe“ nennen – für das Kind fühlt es sich oft gleich an. Und genau hier liegt die Gefahr für den Alltag:

  1. Du wendest eine logische Konsequenz an.
  2. Dein Kind (besonders wenn es willensstark oder traumatisiert ist) reagiert darauf nicht mit Einsicht, sondern mit Gegendruck, Aggression oder Opposition.
  3. Du fühlst dich hilflos, weil deine „logische“ Maßnahme verpufft und dein Kind vielleicht nach dir haut oder dich anschreit.
  4. In dieser Hilflosigkeit und Wut fallen uns Eltern oft keine „milden“ Konsequenzen mehr ein. Die Gefahr ist riesig, dass wir dann doch laut werden, schreien, beleidigen oder grob werden, nur um uns durchzusetzen.

Deshalb reicht es nicht, die alten Methoden nur „netter“ zu formulieren. Wir brauchen einen anderen Ansatz (wie den von Kazdin), der gar nicht erst auf zu harsche Konsequenzen setzt und einen Machtkampf heraufbeschwört, sondern die Situation vorher entschärft.

5. Das Lob: „Bloß nicht verwöhnen“ vs. „Party machen“

Hier scheiden sich die Geister – und hier liegt der größte Hebel für deinen Erfolg.

Der Klassiker „Jedes Kind kann Regeln lernen“ ist vorsichtig, fast geizig mit Lob. Die Sorge ist groß: „Wenn ich zu viel lobe, mache ich mein Kind abhängig.“ Das Lob soll sparsam und „authentisch“ sein, damit das Kind nicht nur für den Applaus arbeitet, sondern aus innerer Einsicht. Das Gefühl dabei ist oft: Nicht geschimpft ist genug gelobt.

Dein Kind oft und begeistert loben

Die moderne Wissenschaft sagt dagegen: „Werde zum Cheerleader!“ (Zumindest am Anfang). Wenn du ein neues Verhalten aufbauen willst (z. B. Zähne putzen ohne Theater), reicht ein leises „Gut gemacht“ nicht aus. Das Gehirn braucht einen massiven Dopamin-Kick, um neue Nervenbahnen zu legen.

Die Strategie heißt: „Fake it till you make it!“ Auch wenn es sich für dich total albern und gekünstelt anfühlt: Jubel, klatsch ab, sei begeistert! Dein Kind braucht diesen emotionalen Marker, um zu speichern: „Wow, das war richtig!“ Keine Sorge, du verziehst es nicht – du trainierst es nur effektiv. Später, wenn es klappt, kannst du wieder „cool“ werden.

6. Die „Er weiß es doch“-Falle (Wissen vs. Gewohnheit)

Hier entsteht oft die größte Wut bei Eltern: „Er weiß doch genau, dass er das nicht darf!“ Der Klassiker „Jedes Kind kann Regeln lernen“ geht oft davon aus: Wenn das Kind die Regel verstanden hat (und es gestern sogar einmal geschafft hat), dann kann es das Verhalten auch abrufen.

Die gefährliche Schlussfolgerung: Wenn das Kind es heute nicht tut, muss das Absicht, Trotz oder Faulheit sein. Es ist ein bewusster Regelverstoß, der eine Konsequenz erfordert.

Wissen ≠ Tun, einmal Tun ≠ mehrmals Tun

Prof. Kazdin betont dagegen die sogenannte „Knowledge-Performance-Gap“ (die Lücke zwischen Wissen und Tun).

Nur weil ein Kind weiß, wie man sich die Schuhe anzieht oder dass man nicht hauen darf, heißt das noch lange nicht, dass es das in einer Stresssituation auch kann. Wissen ist nicht gleich Gewohnheit.

Das ist wie beim Klavierspielen oder Autofahren: Du weißt theoretisch, wie es geht, aber unter Stress machst du Fehler. Die Lösung: Wir unterstellen keine böse Absicht. Wir helfen dem Kind durch Trockenübungen (Rollenspiele) in ruhigen Momenten, das Verhalten so oft zu wiederholen, bis es vom Kopf in den „Muskel“ übergeht (Routine wird).

Das Buch „Jedes Kind kann Regeln lernen“ geht oft davon aus, dass Regelverstöße bewusste Entscheidungen sind. Die moderne Forschung weiß: Oft fehlt einfach die Übung. Statt zu strafen, weil das Kind es „eigentlich weiß“, üben wir es gemeinsam in kleinen Schritten und gerne mit Unterstützung, bis es „einfach klappt“.

7. Helfen: „Du bist schon groß“ vs. „Ich bau dir eine Brücke“

Dürfen wir helfen, wenn das Kind bockt? Klassische Ratgeber wie „Jedes Kind kann Regeln lernen“ haben oft die Sorge vor der „Verwöhnfalle“. Der Glaubenssatz ist: Wenn das Kind eine Fähigkeit eigentlich besitzt (z. B. Anziehen), muss es das auch alleine tun. Hilfst du trotzdem, erziehst du es zur Unselbstständigkeit.

Die Folge: Eltern verweigern aus Prinzip Hilfe („Zieh dich jetzt alleine an, du kannst das!“). Das führt bei müden oder frustrierten Kindern oft zur Totalverweigerung und Tränen.

Deinem Kind helfen, um es dann loben zu können, ist wichtiger

Kazdin sieht Hilfe nicht als Verwöhnen, sondern als „Starthilfe“. Sein Ziel ist nicht der perfekte Alleingang, sondern dass das Verhalten überhaupt passiert, damit wir es loben können.

Wenn das Kind blockiert, senken wir die Hürde. Wir bauen eine Brücke. Die Lösung kann sein: „Ich sehe, du bist müde. Komm, ich ziehe dir das linke Bein an, du machst das rechte.“ Oder: „Ich halte die Kiste, du wirfst den Stein rein.“

Der Effekt: Das Kind kommt ins Tun (statt im Trotz zu verharren). Sobald es – auch mit Hilfe – kooperiert, kannst du loben. Dieses Lob motiviert das Kind, es beim nächsten Mal eher wieder zu tun.

Der Überblick

ThemaDer Klassiker („Jedes Kind kann Regeln lernen“)Das Update (Prof. Kazdin / Yale)
Warum hört das Kind nicht?Machtkampf: Das Kind testet Grenzen, will seinen Willen durchsetzen oder manipuliert.Mangelnde Übung: Dem Kind fehlt die Fähigkeit oder die Gewohnheit (Skills). Es braucht Training, keinen Kampf.
Anweisungen„Kaputte Schallplatte“: Ruhig und stur wiederholen, bis das Kind pariert.„2-Mal-Regel“: Maximal 2x sagen. Nörgeln schaltet das Gehirn auf Durchzug. Lieber hingehen und helfen.
LobenSparsam: Nur „echtes“ Lob zählt. Angst, das Kind zu verwöhnen oder abhängig zu machen.„Cheerleader“: Begeistert und oft loben! Das Gehirn braucht diesen „Dünger“, um neue Verhaltensbahnen zu bauen.
Der FokusDanach (Konsequenz): Was passiert, wenn das Kind den Fehler macht? (Strafe/Logik).Davor (Prävention): Wie gestalte ich die Situation, damit das Kind es richtig machen kann, damit Eltern loben können?
Auszeit / PauseIsolation: Tür zuhalten (in älteren Ausgaben), ignorieren, Kind allein lassen, bis es „lieb“ ist.Regulation: Kurze Auszeit (1-3) Minuten an einem langweiligen Ort (Reizreduktion) zur Deeskalation. Danach sofort wieder Bindung.
Wichtig: Time-In ist wichtiger als Time-Out!
BelohnungssystemeSkeptisch: Sorge, dass Kinder nur noch gegen „Bezahlung“ arbeiten.Hilfreich: Punkte sind wie „Stützräder“. Sie helfen am Anfang, ein Verhalten zu lernen, und kommen später weg. Das wichtigste ist aber immer das enthusiastische Lob, das gemeinsam mit dem Punkt kommt.
KonsequenzenMuss logisch sein: Eltern müssen kreativ eine „logische“ Strafe finden (oft stressig).Konsequenzen müssen vor allem mild sein: Egal ob logisch oder nicht – Hauptsache die Konsequenz ist kurz und nicht harsch (als Notbremse). Maximal 3-4 Mal am Tag eine kurze Auszeit, nur im Notfall Privilegienverlust.
„Er weiß es doch!“Erwartung: Wenn das Kind die Regel kennt, muss es sie befolgen. Sonst ist es Trotz oder ein Machtkampf.Realität: Wissen ≠ Können. Unter Stress vergessen Kinder Regeln. Wir müssen es in Ruhe üben (Rollenspiele).
Helfen„Mach es allein“: Angst vor Unselbstständigkeit. Hilfe wird oft verweigert.„Brücke bauen“: Helfen ist erlaubt! Hauptsache, das Kind kommt ins Tun, damit wir es loben können.

Fazit: Sei konsequent – aber vor allem beim Loben

Annette Kast-Zahn prägte das Mantra „liebevoll und konsequent“. Und sie hatte recht: Kinder brauchen Regeln und Orientierung. Ohne Struktur fühlen sie sich verloren.

Doch die Interpretation dieses Satzes hat sich gewandelt. Während der Klassiker „Jedes Kind kann Regeln lernen“ oft die Konsequenz bei Fehlverhalten betonte, legt die moderne Wissenschaft (wie Kazdin oder Triple P) den Fokus heute viel stärker auf das „Liebevolle“.

Wir wissen heute: Wirkliche Veränderung passiert nicht, indem wir Kindern ständig Spielzeug wegnehmen, Essen streichen oder sie beschämen. Die neue Devise lautet: Weniger ist mehr. Du brauchst, um deinen Kindern Regeln beizubringen gar keine unangenehmen Konsequenzen und keine strenge Stimme. Mehr als zwei bis vier kurze Auszeiten (1–3 Minuten) pro Tag sollten in Notfällen (bevor die Situation eskaliert oder du laut wirst) das absolute Maximum sein.

Sieh dich lieber wie die Lichter auf der Landebahn eines Flughafens. Setze deinem Kind Grenzen, zeige ihm den Weg, in dem du lobst, was gut läuft.

Dafür brauchen wir umso mehr Konsequenz beim Loben und Wahrnehmen des Guten.

Du musst nicht die „starke Wand“ sein, gegen die dein Kind prallt, wenn es einen Fehler macht. Sieh dich lieber wie die Lichter auf der Landebahn eines Flughafens. Sie leuchten hell und weisen deinem Kind klar die Richtung. Diese Lichter sind verlässlich da – gerade wenn es draußen stürmisch ist und die Orientierung fehlt, leuchten sie am hellsten. Sie zwingen das Flugzeug nicht, aber sie machen es ihm so leicht wie möglich, sicher zu landen.

Wenn du merkst, dass du mit Strenge und Härte („der Wand“) nicht weiterkommst, lade ich dich ein, diese Lichter anzuschalten und dein Kind für alles, was gut läuft, zu loben und zu feiern.

Möchtest du wissen, wie du das im Alltag konkret umsetzt? Oft sind es nämlich ganz kleine Fehler in der Anwendung von Lob, Anweisungen oder Auszeiten, die den Erfolg verhindern. 👉 Hier habe ich dir die [14 häufigsten Fehler in der Erziehung] zusammengefasst – und wie du sie sofort beheben kannst.

Ich bin Julia, Mama eines Sohnes und zweier Für-immer-Pflegekinder. Auf meinem Blog teile ich wissenschaftlich fundierte, positive und gewaltfreie Erziehungsmethoden. Mein Ziel ist es, Eltern dabei zu unterstützen, liebevoll Grenzen zu setzen und den Familienalltag harmonisch und stressfreier zu gestalten.

Die wichtigsten Erziehungstipps

Ein Tomatenpflänzchen wächst auch nicht schneller, wenn du daran ziehst. Aber mit der richtigen Umgebung kann es sich bestens entfalten. Geduld, Wärme und ein paar sanfte „Pflegewerkzeuge“ lassen auch die Erziehung deines Kindes Früchte tragen – für einen entspannten Familienalltag.

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